Kell - Das Rennen

      Kell - Das Rennen

      Kell – Das Rennen

      Nach dem Training bekommt jedes Team noch mal schriftlich seinen Platz zugeteilt und so findet bis kurz vor 15 Uhr jeder seinen Startplatz auf der Zielgeraden, eine bunte 200 Meter lange Reihe als Mischung aus Volksfest, Karneval und Motorsport. Griewe ist so nett die Hercules zu halten – großen Dank dafür !
      Startschuß, 50 m Sprint zur Rakete, Kerze rein und etwa als 15. auf die Bahn. In der ersten Runde kann ich direkt einige kassieren und so zeigt mich die Anzeigetafel nach einer halben Stunde auf Platz „7“. Das ist doch schon ganz nett, zumal die bärenstarke Camino, das Siegerteam des Vorjahres, noch nicht ein einziges Mal an mir vorbeikam.
      Doch kaum hab ich es gedacht hör ich sie auch schon im Nacken, für einige Kurven kann ich mich wehren, dann lass ich sie ziehen.
      Mein Konzept ist anders.
      Die Boxengasse ist mit Ein- und Ausfahrt mindestens 400 Meter lang, auf dieser Strecke gilt ein Tempolimit von 10 km/h, das mit einer Radarpistole überwacht wird. Dementsprechend kostet jeder Wechsel und jeder Tankstopp richtig Zeit. Zeit, die ich mir sparen will, deshalb ist mein Tank randvoll mit etwa 10 Litern Rennmischung, und Fahrerwechsel gibt es bei mir mangels Masse auch nicht. Stattdessen gibt es sichere Runden und bald hab ich auch meine eigene Überholstrategie entwickelt: In den Kurven halt ich mich aus fast allem raus, auf den 4 unterschiedlichen Geraden frisst sich meine Power-GT an den Opfern vorbei.
      Simpel – Asi – aber effektiv und sicher, zumindest solange vor mir keiner Haken schlägt.
      Zwar kommt alle 5 Minuten mal einer vorbei, der einfach besser fährt, doch meine Taktik scheint auch nach einer Stunde noch aufzugehen: Platz „6“.

      Speziell auf der langen Geraden am Fahrerlager hab ich meine Freude, mit fast 80 km/h und über 15.000 U/min brüllt sich mein zweitaktendes Samuraischwert durch die Horden und in jeder Runde lasse ich dort Kollegen frustriert zurück. Selbst die Camino ist hier nicht schneller, fährt dann allerdings in gnadenloser Perfektion mit angestelltem Hinterrad quer in die 180-Grad links und nimmt mir dort Meter, die ich mangels Fahrkönnen nicht aufhole. Sehr geil so unmittelbar dabei zu sein.
      Weniger geil, dafür umso aufregender, wenn sich wieder unmittelbar vor mir ein Fahrer zerlegt, verbremst oder mit von der Felge springendem Reifen spektakulär zerreißt. Mehr als einmal fehlen nur Zentimeter zum Unglück.
      Ruhig bleiben. Konzentrier dich !

      Nach genau zwei Stunden Fahrt gerät mein Plan ins Wanken. Beim Einlenken in jede Kurve, entwickelt mein Pony ein Eigenleben, das Heck geht deutlich hin und her.
      Schwinge lose oder Reifen platt, so meine Diagnose per Popometer. Nach weiteren Runden und einem nun taktmäßig mit der Geschwindigkeit schlagenden Geräusch entscheide ich mich für das Reifenproblem.
      Fast zur gleichen Zeit hat einer der Fahrer einen schweren Unfall in einer der Schikanen und bleibt verletzt und regungslos am Streckenrand liegen, für eine Viertelstunde passieren wir die Unfallstelle unter gelber Flagge im Konvoi um dann 10 Meter hinter dem Verletzten wieder den platten Reifen fliegen zu lassen.
      Fühle mich innerlich genauso hin und hergerissen, wie es die Schwinge tut. Die brave Hercules kann mir für nichts garantieren, der Gedanke an malträtierte Gussfelgen, die Bilder des Verletzten, den kurz zuvor erlebten Crash durch den abgesprungenen Reifen, all diese vernünftigen Aspekte sagen mir: Fahr raus, bring es erst in Ordnung.
      Doch die zweite Stimme ist stärker: „ Du fährst hier auf Platz 5, im wichtigsten Rennen des Jahres, nach einer Saison fast ohne Erfolg – um Himmelswillen, fahr solange es irgendwie geht ! „
      Schon bin ich wieder auf der Geraden und die treue GT schreit mit Enddrehzahl an den Wehrlosen vorbei. Ich schüttel den Kopf über mich selbst und such mir am Ende der Bahn drei Fahrspuren aus, auf denen ich um die Kurve schaukel. Noch 45 Minuten.

      Mittlerweile ist der verletzte Kollege mit einem Schlüsselbeinbruch abtransportiert, die Strecke wieder frei und ich hab mir eine schnelle, freche Puch Pioneer gesucht mit der ich mir die nächsten zwanzig Minuten vertreibe. Diese Preziose wird sehr engagiert bewegt und ich muß alles geben um ihr hinterher zu wackeln.

      Auch die Rennleitung ist auf mein Problem aufmerksam geworden, kommt an meine Box um mit dem Teamchef ( mir ), dem Mechaniker ( mir ) oder dem 2. Fahrer (gibt’s nicht ) einen Fahrerwechsel mit Reparatur abzusprechen. Ist aber keiner da, das gesamte Team ist ja auf der Strecke. Die Herren sind ratlos, halten mich aber für kein allgemeines Risiko und lassen mich weiter meinem Hobby nachgehen.

      Unterdessen habe ich einen Auftrag zu erfüllen. Wenn ich doch auf „4“ liege, will ich doch nicht nur Platz 5 verteidigen ? Nein ! Ich will Platz 3 !
      An meine neue Kurventechnik hab ich mich gewöhnt, also geb ich die letzten 30 Minuten noch mal alles. Selbst als mir beim Dreikampf in der engsten Wendung der Schaltgriff einer Zündapp im eigenen Bremsgriff verhakt, kann ich mit gezieltem Schlag auf die Armatur, den Super-GAU verhindern.

      In den letzten Minuten fahren die Top-Teams nochmal wie entfesselt und die Balance zwischen Kampflinie und Konzentration gelingt nicht mehr sicher.

      Endlich die schwarzweißkarierte Flagge, damit aber auch direkt die bange Frage um das Endergebnis, die von den ersten Gratulanten zu Platz 3 zerstreut wird.
      Fühle mich wie ein Sieger.








      Das Gefühl hält an.
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      sehr schöner bericht, doch wie kommts das der hinterreifen nicht abgesprungen ist?! krasse aktion so ein rennen alleine durchzuführen, nicht schlecht... das nächste mal sagst du bescheid wenn du not am mann hast, dann springe ich gerne ein :) wäre aber fürs das rennen zeitlich bei mir auch nicht gegangen..

      gratulation zum 3. respekt... wie lange ging das rennen? ging das mit nur einem tank und du bist komplett durch gefahren?
      Gruß Dirk



      Eure Kurbelwelle ist hin? Keine Leistung?
      Kurbelwelle ausrichten, Zylinder(kopf) tunen
      und weitere Dienstleistungen hier
      Original von DJBassröhre {MMO}
      sehr schöner bericht, doch wie kommts das der hinterreifen nicht abgesprungen ist?!

      gratulation zum 3. respekt... wie lange ging das rennen? ging das mit nur einem tank und du bist komplett durch gefahren?


      Das der Reifen doch 1 Stunde ohne Luft gehalten hat, war vielleicht eine Mischung aus Reifenhalter und Glück.
      Gesamtzeit 3 Stunden, habe etwa 9 Liter Sprit gebraucht, mit dem Tank der XLR 125 passte das genau. Einen knappen Liter hatte ich noch übrig. Für Pausen haben alte Männer keine Zeit.
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      Respekt Rookie und gratulation zum 3. Platz. Dein Bericht ist mal wieder einmalig, man kann da richtig mitfühlen und bekommt die beschriebenen Bilder klar vor die Augen.

      Is nich schlimm, is nur Franky :shook:

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      RE: Kell - Das Rennen

      Original von Rookie
      Kell – Das Rennen...
      Auch die Rennleitung ist auf mein Problem aufmerksam geworden, kommt an meine Box um mit dem Teamchef ( mir ), dem Mechaniker ( mir ) oder dem 2. Fahrer (gibt’s nicht ) einen Fahrerwechsel mit Reparatur abzusprechen. Ist aber keiner da, das gesamte Team ist ja auf der Strecke...


      geil :D


      einfach geile aktion, gratuliere zum 3. platz